Der deutsche Generalstabsoberstleutnant stand einsam in der Mittagssonne auf dem weiten Platz der ehemaligen Militäranlage im Norden von Bosnien-Herzegowina. Er war verzweifelt. Das könnte ihm die Karriere kosten.
Bald würden sie anrücken: Deutsche Militärprominenz und hohe Politiker des Landes, dem auch Deutschland für Ruhe zu sorgen versprochen hatte. Viele Gäste hatten sich für die bevorstehende politische Schauübung angemeldet.
Die Soldatinnen und Soldaten der ihm unterstellten Infanteriekompanie hatten sich wochenlang vorbereitet. Sie beherrschten das Regelwerk der Bundeswehr für Crowd und Riot Control aus dem Effeff. Sie wollten zeigen, wie gut sie sind.
Doch am Vormittag hatten der deutsche Oberstleutnant und seine Soldaten ihr Waterloo erlebt. Gut ein Dutzend junger türkischer Soldaten in Zivil und Turnschuhen hatte in der Vorübung die hochgerüsteten deutschen Infanteristen mit ihren Schilden, Helmen und Schlagstöcken fast aufgerieben.
Die Türken spielten das Red Team, die Demonstranten, die Krawallmacher. Sie waren flink, sie waren flexibel. Sie waren den Deutschen im Denken und auch physisch immer einen Schritt voraus. Mal waren sie vor ihnen, mal neben ihnen. Dann tauchten sie plötzlich hinter ihnen auf. Das deutsche Regelwerk war ihnen egal. Alles war dennoch militärisch perfekt koordiniert.
Während die Vorübung am Morgen aus dem Blickwinkel der Deutschen einfach nur schlecht war, lief die „scharfe“ Schauübung am Nachmittag perfekt. Als Chefredakteur des „Keilers“, der Feldzeitung des deutschen Einsatzkontingentes, war ich einer der wenigen, der sowohl Vor- als auch Schauübung miterleben durfte.
Die deutschen Infanteristen hatten aus der schmerzlichen Niederlage am Morgen gelernt. Sie hatten wichtige Erkenntnisse gewonnen. Jetzt waren sie genauso flink und flexibel, gedanklich den türkischen Radaubrüdern immer einen Schritt voraus. Sie haben gelernt, dass die Realität einer Krawalldemo anders sein kann als die schönste Planung und das beste Regelwerk. Nebel des Krieges nennt Clausewitz das.
Meine Erkenntnis von damals: Lernen mit Schmerzen kann manchmal doch ein guter Weg sein, Erkenntnisse zu erlangen. Heute mache ich es oft – nicht immer – wie jene Türken. Wenn ich als Berater für ein Unternehmen oder eine Organisation eine Krisenübung vorbereite, das Drehbuch schreibe und die Übung dann fahre, soll das Krisenteam so richtig gefordert werden.
Ich möchte die Frauen und Männer des Teams aus ihrer Wohlfühlzone heraustreiben. Denn in der Übung darf für sie noch alles schlecht laufen. Eine Übung ist zum Lernen und zum Erkenntnisgewinn da. Wichtiger ist, dass in einer „scharfen Krise“ dann alles gut für sie läuft.
Um die Frage, warum nur eine schlechte Krisenübung eine gute Krisenübung ist, dreht sich mein Beitrag in „Krisensicher“, dem Blog rund um Organisationale Resilienz in der Polykrise: https://krisensicher-werden.de/2025/01/17/krisenuebungen-nur-eine-schlechte-uebung-ist-eine-gute-uebung/