Ich bin dankbar. Ich bin dankbar für die tollen Lehrer, die ich als Schüler hatte und die mich mit zu dem gemacht haben, der ich heute bin.
Vor einiger Zeit habe ich mich an Frau Wagner erinnert. Sie war meine Klassenlehrerin in der dritten und vierten Klasse. In der Grundschule Nesserland. Mitten im Emder Hafengebiet.
Obwohl ich nur fünf Jahre meines Lebens in Emden verbracht habe, waren das mit die schönsten meiner Kindheit. Noch heute schlägt mein Herz höher, wenn ich nur das Wort Ostfriesland höre.
Heimlich bezeichne ich mich gerne selber als Halbostfriesen. So prägend war die Zeit. Ich bin im Leben viel herumgekommen, doch wenn ich nach Ostfriesland zurückkehre, habe ich immer sofort ein heimatliches Gefühl.
Mit viel Herz brachte Frau Wagner uns im Sachkundeunterricht unsere ostfriesische Heimat nahe. Wir lernten kennen, was für die Nordseeküste und die Ostfriesen typisch ist. Wir lernten auch, wie die Friesen an der gesamten Küste in alter und jüngster Zeit Deiche bauten.
Und wir lernten von ihr, wie wir uns auf den Deichen zu verhalten haben, damit sie noch lange unsere Heimat schützen. Wir besichtigten die großen Schöpfwerke, die im Falle eines Deichbruches die teilweise tiefer als das Meer liegenden friesischen Lande wieder leerpumpen sollten.
So war ich sehr froh, dass mich mein Beruf im vergangenen Jahr nach Jever führte. Ich weiß, dass Jever im strengen Sinne nicht zu Ostfriesland gehört, sondern zu Friesland. Aber es liegt auf der Ostfriesischen Halbinsel und gehört zum selben gesamtfriesischen Kulturraum.
Für die Mitarbeiter der Ordnungsämter der Kommunen des Landkreises Friesland habe ich einen Workshop zum Thema Krisenmanagement gegeben. Und dazu fiel mir eine Weisheit der alten Friesen ein, die uns Frau Wagner vor rund 45 Jahren beibrachte: De nich will dieken, mutt wieken. (Wer nicht Deiche bauen will, muss weichen.)
Der Kampf gegen die Unbilden der Nordsee war für die alten Friesen existentiell. Darauf gründeten sie auch ihre Gesellschaft: Wer sich nicht an der großen Gemeinschaftsaufgabe des Deichbaus- und Deicherhalts beteiligen wollte, der flog raus.
Denn die Friesen wussten: Zum Krisenmanagement gehört nicht nur die Kompetenz, durch den Bau großer und starker Deiche die Widerstandsfähigkeit gegen die See zu erhöhen.
Auch die Fähigkeit zur Bewältigung von akuten Krisen gehört zum Krisenmanagement. Beispielsweise durch den Bau von großen Schöpfwerken für den Fall einer Überflutung des Landes.
Doch sie wussten vor allem, dass Krisenmanagement vor und in einer Krise einer dritten Fähigkeit bedarf: der Kooperationsfähigkeit. Nur wer mit anderen zusammenarbeitet, ist in der Lage, eine Krise zu bewältigen.
Krisenbewältigung ist immer eine Gemeinschaftsaufgabe. Die alten Friesen waren eben kluge Leute und gute Krisenmanager. Ich danke Frau Wagner, dass ich das und noch viel mehr von ihr lernen durfte.