Krisenmanagement: Eine Krise ist immer eine Entscheidung

Ein Professor für Krisenmanagement hat mir einmal gesteckt, dass er immer aufstöhnt, wenn er den Satz in einer Bachelorarbeit liest. Nach seiner Erfahrung ist es die Hälfte der Studenten, die ihre Arbeit damit beginnt: „Im Chinesischen steht dasselbe Schriftzeichen sowohl für Krise als auch für Chance.“

Mich erinnert das an dynamische Manager, die scharf raushauen: „Ich kenne keine Probleme. Ich kenne nur Herausforderungen.“ Nach meiner Beobachtung sind das dieselben Führungskräfte, die bei einer Krise immer bis ganz zuletzt warten, um einen Krisenstab einzuberufen.

Ihre Angst ist einfach zu groß, dass ihnen das als Schwäche ausgelegt werden könnte, weil sie ihre Sachen nicht im Griff haben. In Fachkreisen nennen wir das FOPAB: Fear of Pressing the Alarm Button.

FOBAP hat schon so manche Krise arg verschlimmert. Je schneller ein Krisenstab nach einem existenzgefährdenden Ereignis ans Arbeiten kommt, desto größer die Chance, dass die Krise in ihren Auswirkungen für ein Unternehmen abgeschwächt werden kann.

Der stark strapazierte Krise-Chancen-Satz verdeutlicht aber eines: Es gibt genauso viele Sichtweisen auf Krisen und Krisenmanagement, wie es Kulturen auf dieser Welt gibt und gab. Krisen sind eine anthropologische Grundkonstante im Kulturleben der Völker.

Es wäre interessant, eine Kulturgeschichte des Krisenmanagements zu schreiben. Ein solches opus magnum könnte aber ein einzelner Wissenschaftler kaum bewältigen. Man bräuchte ein großes internationales Team. Die Azteken hatten sicherlich einen anderen Ansatz als die Ägypter und die wiederum einen anderen als die Griechen.

Von den alten Griechen haben wir übrigens unser Wort Krise. Das griechische Verbum κρίνειν (krinein) heißt scheiden, auswählen, entscheiden. Eine Krise ist etymologisch also immer eine Entscheidung.

Entscheidungen spielen in einem Krisenstab eine große Rolle. Man kann sagen, dass es die raison d’être eines Krisenstabes ist, schnelle, durchdachte Entscheidungen unter Druck und Stress sachgerecht zu treffen.

In Deutschland verwenden Krisenstäbe als strukturierten Denk- und Handlungslauf zur Entscheidungsfindung den Führungsvorgang nach der Feuerwehrdienstvorschrift 100. Der orientiert sich an der alten Heeresdienstvorschrift 100/200.

Diese Vorschrift greift Ideen älterer deutscher Streitkräfte auf. Die ersten Ansätze zum Führungsvorgang, der bei der Bundeswehr seit 1995 offiziell Führungsprozess heißt, finden sich in den Verordnungen für die höheren Truppenführer vom 24. Juni 1869 von Helmuth von Moltke.

In den USA gibt es andere Ideen der Krisenbewältigung: das Incident Command System und das National Incident Management System. Darüber spricht Rico Kerstan heute in seinem Podcast „KrisenHacks“, den ich redaktionell betreue. Als Gast hat er die Expertin Briana Haberman eingeladen. Sie ist unter https://krisen-hacks.podigee.io/32-wie-funktioniert-das-incident-command-system-mit-briana-haberman-31 zu hören.

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