Am Silvesterabend war ich Opfer meiner eigenen Profession geworden. Als ich im Internet las, dass es in Kreuzberg einen Wasserrohrbruch gab und Teile der Hauptstadt ohne Wasserversorgung dastanden, war mein erster Gedanke: Das ist bestimmt ein Sabotageakt, der durch einen Cyberangriff herbeigeführt wurde.
Als Berater für Krisenmanagement und Krisenkommunikation beschäftige ich mich natürlich sehr intensiv mit Themen wie Cybersecurity, Hybrider Krieg oder Zivilverteidigung. Die Grundfrage dabei: Wie können wir Unternehmen, Organisationen und auch unsere Gesellschaft gegen Angriffe resilienter machen können?
Wer ständig monitort, welches Unternehmen wieder einer Cyberattacke anheimgefallen ist, bekommt schnelle eine déformation profesionelle. Irgendwann sieht er überall böse Hacker und Cyberkriminelle am Werk.
Doch weit gefehlt: An der Silvester-Malaise in der Hauptstadt war nur ein schnödes, altes, marodes Rohr schuld. Hundert Jahre soll es pflichtschuldig seinen Dienst im Berliner Untergrund getan haben. Dann hatte es einfach keine Lust mehr und ist einfach gebrochen.
Denn sie gibt es ja auch noch zuhauf in unserem Land: alte, morsche Infrastruktur, die auch welchen Gründen auch immer nie erneuert wurde. Ich möchte nicht wissen, was da an Rohren oder Kabeln aus Ururgroßmutterszeiten noch so alles in deutschen Erden verborgen ist. Und bisher noch seinen Dienst tut. Die Betonung liegt auf noch.
Alte Infrastruktur kann jederzeit den Geist aufgeben. Das sollte jeder bedenken, der von ihr abhängig ist. Und darauf sollte sich jeder vorbereiten. Zum Beispiel Unternehmen. Leider tun sie es noch zu wenig.
Cyberangriffe in Krisenmanagementübungen zu üben, ist gerade sehr en vogue. Fast täglich kommen Bitten rein, eine solche Übungen für Unternehmen zu planen und dann auch zu fahren. Meine Frage ist dann immer: Können Sie sich auch andere Anlässe vorstellen, aus denen Krise entwickeln kann, die das Ihr Unternehmen untergehen lassen kann?
Die Kreativität ist dann immer sehr begrenzt. Ein paar Ideen haben die Mitarbeiter schon. So ist das nicht. Aber systematisch und umfassend über die Anlässe, die zu einer Krise führen können, nachgedacht wird selten in deutschen Unternehmen.
Leider auch zu selten, welche marode und veraltete Infrastruktur außerhalb des Einflussbereiches bei einem Ausfall eine Existenzkrise herbeiführen könnte. Da hilft oft ein schon die Light-Version eines Business Continuity Management. Es listet die wichtigsten Risiken auf und legt fest, wie die Geschäftstätigkeit unter Krisenbedingungen fortgeführt werden kann.
Die Toprisiken sollten auf jeden Fall geübt werden. Dass Cyberangriff auf der Liste steht, ist heute sehr wahrscheinlich. Doch nicht immer ist es eine Hackerattacke, die ein Unternehmen an den Rand der Existenz bringt. Manchmal ist es auch nur ein schnödes, altes, marodes Rohr.