Jeder Mensch hat ja seine kleinen Leidenschaften, seine Steckenpferde. Auch beruflich. Das kann schon manchmal ins Skurrile ausarten. Eines meiner Steckenpferde: Ich lese gerne Organigramme. Wenn ich ein Organigramm eines Unternehmens in die Hand bekomme, bin ich schnell Feuer und Flamme. Dann vergesse ich die Zeit. So auch Freitag.
Ein neuer Kollege fragte, wie er Kontaktpersonen finden könne. Ich sah meine Chance, mein Wissen weiterzugeben. Schon hatte ich ihn zu einem Vortrag über Organigramme eingefangen. Ich erklärte, wie sie aufgebaut sind oder was man an ihnen über Unternehmenskultur ablesen kann. Und ich erklärte auch, was der Unterschied zwischen Linie und Stäben ist.
Die meisten Organisationen, auch Unternehmen, sind nämlich Stablinienorganisationen. Der grobe Unterschied: Die Linie macht Facharbeit. Stäbe erledigen Dinge, die für die gesamte Organisation wichtig sind. Fachstellenleute in der Linie sind meistens tief in einer Materie drin, richtige Experten in ihrem Wissenssilo. Stabsstellenleute dagegen haben oft nur oberflächliches Themenwissen, dafür ihre Hände in vielen Thementöpfen drin.
Als Kommunikator bin ich auch vom Typus her ein typischer Stabsstellenmensch. Kommunikation ist fast überall eine Stabsstellenfunktion. Genauso wie Krisenstäbe – der Name sagt es schon – immer Stabsstellen sind. Ihr Zweck ist es, eine für die Gesamtorganisation existenzgefährdende Situation durch schnelle Entscheidungsfindung abzuwehren.
Leider ist selbst erfahrenen Führungskräften der Unterschied zwischen Linie und Stab nicht klar. Bei Cyberangriffen höre ich fast immer: Das geht nur die IT-Abteilung etwas an. Eine gefährliche Annahme. Denn: Cyberkrisen betreffen in den allermeisten Fällen das gesamte Unternehmen.
Ein Beispiel: Cyberkrisen sind fast immer auch Kommunikationskrisen. Unternehmen, die beim Krisenmanagement nicht gleich die Krisenkommunikation mitdenken, machen etwas Grundlegendes falsch.
Denn: Ein Cyberangriff offenbart oft Schwächen in der IT-Sicherheit. Die Kunden verlieren das Vertrauen, sie fragen sich: Sind meine Daten bei denen sicher? Die Folge: Rückgang der Kundentreue. Gegen Vertrauensverlust hilft gute Krisenkommunikation.
Ein Cyberangriff kann kritische Systeme und Netzwerke lahmlegen. Die Folge: Die normale Kommunikation mit Kunden kann dadurch erschwert, sogar unmöglich sein. Das schadet dem Ruf. Gute Krisenkommunikation heißt, die Kunden auf anderen Wegen zu informieren.
Wenn ein Unternehmen angegriffen wird, führt das zu Medienaufmerksamkeit: Die Folge: Negative Berichterstattung. Sie schädigt den Ruf eines Unternehmens schnell und nachhaltig. Gute Krisenkommunikation kümmert sich um die Journalisten.
Deshalb sollte auch Cyberkrisenmanagement immer in einer Stabsstellenfunktion sein. Nur so wird sichergestellt, dass die Krise aus der Sicht des Unternehmens bewältigt wird und nicht nur aus der Silosicht der IT.